Kapitel 3 – 70er

Die 70er Jahre waren wohl die für mich wichtigsten Jahre. Oder es war das Jahrzehnt des Aufbruchs für meine Wenigkeit. Soviel neue Musik, die Tanztempel, Discotheken genannt, die wie Pilze aus dem Boden schossen und die paar schon bestehenden ergänzten, die modischen Neuheiten bei Männlein und Weiblein und vor allem: Die neue Musik, die uns hier in Deutschland erreichte. Waaahnsinn! Nur allein als Zuhörer warst du teils überfordert. Und als aktiver Musiker, gleich ob Hobby oder Beruf, konntest du so schnell gar nicht alles aufnehmen, wie die Plattenfirmen veröffentlichten. Karl-Heinz Stockhausen mit seinen elektronisch-akustischen Kompositionen war plötzlich „in“ und KRAFTWERK konnte mit ihrem Elektro-Pop genannten Veröffentlichungen nicht nur hier in Deutschland punkten.

Nachdem Mitte der 60er Jahre schon wieder einige Sensationen veröffentlich worden sind, ich denke hier an „Rubber Soul“ von den BEATLES oder auch an „Pet Sounds“ von den BEACH BOYS, traten jetzt die sogenannten „Prog-Rocker“ verstärkt in die Gehörgänge.

Bald waren es die „spacigen“ HAWKWIND, damals noch mit ihrem Bassisten Lemmy, der später mit MOTÖRHEAD berühmt werden sollte, KING CRIMSON und URIAH HEEP waren am Start und verkauften in den 70er Jahren Platten ohne Ende, zumeist Longplayer. AEROSMITH, THE EAGLES, AC/DC folgten im weiteren Verlauf der 70er Jahre.

Gruppen wie THE BEACH BOYS, THE MARVELETES und THE SUPREMES, teils aus dem Motown-Stall, waren aber immer noch mehr oder weniger angesagt. So wie THE DRIFTERS, THE FOUR TOPS oder THE EVERLY BROTHERS und MARVIN GAYE. Meist also, mit Ausnahme der BEACH BOYS, reine Gesangsgruppen mit teils wunderschönen Melodien und Harmonien. Die Sterne begannen aber langsam zu sinken. THE BEACH BOYS hatten bereits ungefähr 1966 ihr Meisterwerk „Pet Sounds“ heraus gebracht und Anfang der 70er Jahre hatten auch die Beatles ihr letztes Konzert auf dem Dach der berühmten Apple-Studios gegeben.

 Der Stern von Elvis war noch auf einem kleineren Höhepunkt, sollte aber auch sinken. Die Hippie-Bewegung der 60er Jahre, gekennzeichnet durch das Monterey Pop-Festival und dem geschichtsträchtigen Woodstock-Festival, fuhr herunter. Und wie gesagt, Jethro Tull, Pink Floyd, Genesis traten verstärkt in mein Musikerleben oder „Gesichtsfeld“.

Einige unter dem Begriff „Prog-Rock“ segelnden Bands wie GENESIS wandten sich später mehr dem Pop, besser gesagt, dem Mainstream zu. Hier wurden natürlich größere Umsätze generiert. „Geld verdienen“ stand an erster Stelle. Existenz sichern bestimmt auch.

Ich hörte einfach alles. Vieles war für meine Verhältnisse nicht reproduzierbar. Einiges habe ich dann mit meinen Kumpels im Proberaum einstudiert. Um bei Jungendtanzveranstaltungen aufzutreten, schrieben wir die jeweiligen Träger der Jugendheime bei uns im Ort und in den Nachbarstädten an.

Kurze Zeit verging und wir bekamen Auftrittsmöglichkeiten samstags und sonntags wöchentlich ab 17.00 Uhr. Um 20.30 Uhr musste allerdings Schluss sein.

 

 

Es gab ein kleines Entgelt für unsere Auftritte. Mehr ein Taschengeld, das auch akzeptabel war und gern von uns angenommen wurde. Der Rest der zwei Mark Eintritt pro Person ging an die Träger der Jugendheime.

Wenn ich „wir“ sage, dann waren das meine beiden Musikerkollegen, die ich während meiner Ausbildung kennengelernt habe und einem alten Schulfreund, den ich zwar schon einige Jahre nicht mehr gesehen hatte, der aber zufällig meinen Weg kreuzte. Und so waren wir als Band komplett und durften in der stillgelegten Sakristei einer ehemaligen Kirche unentgeltlich proben.

Die Band bestand aus mir am Bass und Background-Vocals (ich bin kein toller Sänger), Michael übernahm die Rhythmusgitarre und stellenweise, wenn erforderlich, auch die Orgel und die Backingvocals. In diesem Fall war das Keyboard eine ältere Farfisa, die über den Gitarrenverstärker von Michael abgenommen wurde. Harry war der Leadgitarrist und der Hauptsänger. Am Schlagzeug mein alter Kumpel Helmut, der mit seinem No-Name-Drumset trotz aller Widrigkeiten eine erstaunliche Performance hinlegte. Bevor der auf die Idee kam, sich einmal neue und hochwertigere Felle anzuschaffen, hatte der erst einmal ein gutes Dutzend der preiswerten Sorte kaputtgekloppt. Sorry, Helmut, aber allein schon deine Drumsticks am Anfang…war schon irgendwie bekloppt, nicht? Aber wenigstens hattest du ja ein Satz Jazzbesen und die Charleston-Maschine war immer gut geölt.

Alles in allem die typische Beatband-Besetzung in der damaligen Zeit. Obwohl der Begriff „Beatband“ eigentlich jetzt schon wieder total „out“ war.

Rockband - das wäre nunmehr richtiger. Auch wegen der Abgrenzung zu den immer noch aktiven Tanzkapellen.

Über einen Zeitraum von ungefähr drei Monaten stand folgende Setlist:

 

Wipe Out – The Surfaris

She Loves You – The Beatles

Barbara Ann – The Beach Boys

Back In The USSR – The Beatles

Suzie Q – Creedence Clearwater Revival

I’m So Glad – Cream

Mississippi Queen – Mountain

Under My Thumb – The Rolling Stones

Birthday – The Beatles

I Feel Free – Cream

Satisfaction – The Rolling Stones

Let’s Work Together – Canned Heat

Runaway – Del Shannon

All Your Love – John Mayall’s Bluesbreakers

Bye Bye Love – The Everly Brothers

I Want To Hold Your Hand – The Beatles

Honky Tonk Woman – The Rolling Stones

The Dock Of The Bay – Otis Redding

Apache – The Shadows

Day Tripper – The Beatles

Crimson And Clover – Tommy James & The Shondells

Hang On Sloopy – The McCoys

Proud Mary – Creedence Clearwater Revival

Stand By Me – Ben E. King

Rock Around The Clock – Bill Haley & His Comets

Poor Boy – The Lords

Who’ll Stop The Rain – Creedence Clearwater Revival

Strange Brew – Cream

Foxy Lady – The Jimi Hendrix Experience

Hey Joe – The Jimi Hendrix Experience

Keep On Running – The Spencer Davis Group

I’m A Man – The Spencer Davis Group

Purple Haze – The Jimi Hendrix Experience

I Feel Free – Cream

Sunshine Of Your Love – Cream

Na Na Na Hey Hey Kiss Him Goodbye – Steam

Da haben wir uns ganz schön was „draufgeschafft“ in der relativ kurzen Zeit. Das lag vor allem daran, dass wir wirklich in jeder freien Minute im Proberaum waren, uns neue Scheiben anhörten und auswählten, was umzusetzen war, ohne sich die Finger oder die Figur zu verbiegen.

Und wöchentlich kam immer wieder etwas Neues hinzu. Im Wochenrhythmus hatten wir neue Titel, die durchgehört werden mussten und schließlich geprüft werden sollten auf die Umsetzbarkeit. Da ich als einer der wenigen Exemplare „Mensch“ in der damaligen Zeit privat eine Schreibmaschine besaß, war ich der Auserwählte, der das alles zu Papier bringen sollte. Ich sage Euch: Das war, neben meiner Arbeit und der Schule, eine ganz schön aufwändige Schinderei. Das habe ich aber gerne gemacht. Für mich und für meine Kumpels. Und letztendlich natürlich für unser Publikum. Die sollten ja den Spaß haben und tanzen und feiern.

Unfälle bei den Auftritten gab es allerdings auch: Bei einer Tanzveranstaltung in einem der vielen Jugendheime stolperte ich über das ganze Kabelgedöns und fiel rückwärts in das Schlagwerk. Ich räumte also mit meinem doch eher schlanken Körper alles ab, was irgendwie mit Helmut zu tun hatte. Und da lag ich da wie ein Maikäfer auf dem Rücken mit umgeschnalltem Bass. Und Helmut? Der lag dann gleich neben mir auf dem Fußboden. Großes Gelächter. Smartphone gab es noch nicht. Also leider keine Bilder. Das sah ungefähr so aus, wie wenn Keith Moon von den Who seinen Drum-Part beendete. So am Schluss eines Konzerts. Na ja. Und von Kabelbrüchen, Sicherungen, die ihren Geist aufgeben und gerissenen Saiten will ich gar nicht erst anfangen. Das gehörte einfach dazu. Verbunden mit Zwangspausen für die Tanzwütigen, natürlich. Das gab allerdings, sofern es nicht meine Schäden waren, mir die Gelegenheit, mich mit einigen Schönheiten des weiblichen Geschlechts zu unterhalten. Als Mann der zweiten Reihe kommt man ja sonst nicht dazu.

Und siehe da: In einigen Fällen kam es doch tatsächlich zu kurzen, manchmal heftigen, Beziehungen. Mit Isolde zum Beispiel, auf die der blödsinnige Reim „Isolde, die Holde“ zutraf. Nettes Mädel. Gut aussehend. Ein Jahr jünger als ich und körpergrößenmäßig auch passend. Sie 1,58m und ich 1,76m. Beide blond. Beide blaue Augen. Schlank. Wenn sie die damals angesagten hochhackigen Stöckeldinger anhatte, war sie immer noch einen halben Kopf kleiner als ich. Und die ebenfalls unverzichtbaren Hot Pants standen ihr wirklich hervorragend. Aber für eine Dauerbeziehung war das nichts. Sie war zu anhänglich und hätte am liebsten bei Auftritten neben mir auf einem Stuhl gesessen.

Und so wurde die Beziehung nach relativ kurzer Zeit von meiner Seite aus beendet. Ich war ja ein wählerischer Mensch und hatte gewisse Vorstellungen.

Bei Chrissie, richtig: Christine, war es ähnlich. Nett, lieb, süß, diesmal allerdings dunkelhaarig und braune Augen. Die war ein Hingucker, das möchte ich hier nicht verhehlen. In den drei Monaten, in denen wir gemeinsam einen Teil des Lebensweges beschritten, stellten sich jedoch Unarten bei ihr heraus, die mir irgendwie nicht passten. Von der übertriebenen Schminkerei bis hin zur doch manchmal übertrieben knappen Bekleidung. Nee! Das ging mir dann doch irgendwann zu weit und hier beendete ich die Beziehung ziemlich abrupt.

Jetzt habe ich ein wenig vorgegriffen. Lasst Euch davon aber bitte nicht irritieren.

Beim Herausschreiben von Texten nach Gehör bin ich auf einen Titel gestoßen, den ich mir mehrfach erst einmal durchlesen musste, bevor ich begriff, was die britischen THE HERD da in einem relativ kompakten Song, der dazu auch noch fast ohne Refrain auskam, erzählten: Nämlich die fast komplette Geschichte von Orpheus und Eurydike in Kurzform: „From The Underworld“. THE HERD: Das waren Terry Clark (voc), Andy Bown (b), Tony Chapman (dr) und ursprünglich Gary Taylor (g). Peter Frampton (voc, g) ersetzte später Terry Clark und genau dieser Frampton gründete dann später mit Steve Marriott HUMBLE PIE.

Dieser Songtext veranlasste mich dann später, immer ein wenig genauer hinzuhören oder hinzulesen. Insbesondere die Texte von GENESIS und RONNIE JAMES DIO, vorher schon von ELF, aber auch von JETHRO TULL: Da lohnt es sich, hinter die Zeilen zu schauen. Selbst dann, wenn man nicht alles sofort versteht und vieles sicher falsch interpretiert wird oder wurde.

Ich erinnere mich an den ersten Auftritt an einem Samstagnachmittag in einem örtlichen Jugendheim. Die Vorfreude war riesengroß. Endlich! Angst, freudige Erregung, nervöse Stimmung insgesamt bei allen Beteiligten. Die Setlist stand und wir waren uns einig, dass wir generell mit „Wipe Out“ oder „Johnny Guitar“ beginnen und mit „Na Na Hey Hey Kiss Him Goodbye“ beenden. Ganz gleich, welche Stücke dazwischen gespielt wurden. Sozusagen als Erkennungszeichen waren das Intro und das Outro gedacht.

Die Setlist reichte in der oben dargestellten Form und im Umfang aus, um zwei zweistündige Programme inklusive Pausen zu bestreiten. Und aufgrund der Tatsache, dass immer neue Songs hinzukamen, konnten wir bald auch drei oder gar vier zweistündige Vorstellungen abliefern, wenn es denn gewünscht wird.

Wurde es aber nicht. Unsere Bruttospielzeit war in den Jugendheimen immer dreieinhalb Stunden, unterbrochen von zwei größeren und einer kleineren Pause, in denen die Kids dann nach Platten tanzen konnten oder eben auch Pause hatten.

Und jetzt, nach dem ersten Gig der Band, standen auch die Plätze, die die Bandmitglieder auf der Bühne oder dem Podest einzunehmen hatten, fest. Wer steht wo und warum? Also beginne ich mit mir: Wo steht ein Bassist. Das wichtige Mitglied der Rhythmusgruppe innerhalb einer Rock’n’Roll-Band?

Richtig: In der zweiten Reihe rechts, vom Publikum aus gesehen, direkt neben dem Drummer, da die beiden sich ja ergänzen sollen/müssen.

Und sofern der Bassist nicht gleichzeitig auch Leadsänger ist (wie bei THIN LIZZY, RUSH oder anfänglich auch bei ROBIN TROWER), gehört der Bassmann in die zweite Reihe.

Und wird außerdem von Gitarristen nicht unbedingt geliebt, wie weiter oben schon einmal angemerkt wurde. Diese ablehnende Haltung von Gitarristen gegenüber Bassisten habe ich in den folgenden Jahren noch öfter erleben müssen.

Da ich Bluesaffin war, kamen später weitere Songs von CHICKEN SHACK, die anfänglich noch mit Christine Perfect an den Keyboards besetzt waren und die später als Christine McVie und Fleetwood Mac (Rumours) Geschichte schrieb, Ten Years After, ROBERT JOHNSON in der Adaption von Cream (Crossroads) in unser Repertoire.

Kaum umzusetzen waren für uns Songs von Yes, ROXY MUSIC oder Genesis. Zumindest in großen Teilen waren diese zu komplex. Und diese Stimme wie Bryan Ferry hatte sowieso niemand von uns. Die war nämlich sehr speziell. Wie auch die Stimme des Leadsängers von PAVLOV‘S DOG. Die klang ziemlich heliumgetränkt. Heute geht es so. Er ist schließlich älter geworden. Ähnlich war es bei GENTLE GIANT, ELP oder gar PINK FLOYD. Das war zwar alles klasse Musik und die Künstler wirklich innovativ, doch für uns war das mindestens eine Etage zu hoch angesiedelt und viele ihrer Stücke waren zum Tanzen weniger geeignet.

Routine erhältst du übrigens nicht im Proberaum, sondern beim Spielen. Je mehr Auftritte du absolvierst, desto sicherer wirst du eben. Und das merkten wir alle in relativ kurzer Zeit. Vor allem im Umgang mit eventuellen „Verspielern“ oder sonstigen Unabwägbarkeiten wie Text vergessen und Hamoniepatzern oder, ganz schlimm, „aus dem Takt gekommen“!  Dann war Improvisieren angesagt.

Und so stand ich dann eineinhalb Jahre in der zweiten Reihe rechts vom Publikum aus gesehen. Gleich neben dem Drummer.

Wir absolvierten während unserer gemeinsamen Zeit sicher über 150 Konzerte in verschiedenen Locations, während sich die beiden Frontmänner die Meriten beim Publikum, insbesondere dem weiblichen, abholten. Umständehalber ergaben sich dann auch Freundschaften zwischen Bandmitgliedern und tanzwütigen Mädels. Einige wenige erfolgreiche und kurze Beziehungen eingeschlossen. Manche (wenige) Mädels waren wie Groupies, allerdings ohne den sexuellen Bezug, den man mit diesem Wort damals in Verbindung brachte. Die waren aber auf allen unseren Konzerten oder Darbietungen. Die reisten mit, sozusagen. Das ehrte uns natürlich auf der einen Seite.

Andererseits war das manchmal auch lästig, wenn sie sich nach den Auftritten noch privat mit uns treffen wollten. Hast du in einer Kneipe einmal zusammen mit den Bandmitgliedern ein Bier oder eine Cola trinken wollen, waren wir meist immer umringt von mitgereisten Mädels oder aber auch, allerdings weniger, Jungs. Das war schon manchmal ganz schön nervig. Wir ließen uns aber, hier ganz Profis, nichts anmerken, sondern lächelten und scherzten mit ihnen.

Allerdings will ich mich nicht über meinen Platz in der zweiten Reihe beschweren. Denn ich war und bin, was musikalische öffentliche Darbietungen betraf, eher ein introvertierter Typ. Daher war für mich der Platz im Hintergrund eigentlich ideal. Ich gehöre zu den Menschen, die Freude daran hatten und haben, wenn andere Menschen sich an meiner Leistung als Musiker und an unserer Musik erfreuten und Spaß hatten.

Im privaten Leben war ich dagegen ein offener Typ. Ich bin gern auf Menschen zugegangen und war und bin um keine Konversation in gleich welcher Form verlegen.

Inzwischen hatten alle einen Führerschein und ich und mein Kumpel Michael besaßen jeweils einen eigenen PKW, so dass wir auf die Hilfe Fremder beim Transport unserer Ausrüstung nicht mehr angewiesen waren. Das war nämlich immer eines unserer größeren Probleme.

Die Anfänge einer jeden Darbietung bestanden darin, dass der Drummer sein Set aufbaute, der Leadgitarrist seine Gitarre über Wah-Wah- und Verzerrerpedal in seinen Vox AC 30 einstöpselte und ich ohne Umwege direkt in meinen VOX ging. Ohne Umwege! Ohne einschleifen in andere Dinger wie Flanger oder ähnliche Teile.

Der Rhythmusgitarrist teilte sich seinen Verstärker mit seiner Orgel. Und die Mikrofone wurden von der Echolette-Gesangsanlage mit eingebautem Bändchenhall abgenommen. Für den Fall, dass mal das Bändchen riss, hatten wir immer genug Klebeband dabei, um sofort reparieren zu können. Ihr erinnert euch? Die Echolette-Anlage mit Bändchenhall. So eine, wie in Elke `s Band, so eine hatten wir auch. Und die Vox-Klamotten. Und woher kamen die? Alles von jedem einzelnen Bandmitglied angeschafft und bezahlt. Nichts auf Pump. Andere Jugendliche in unserem Alter gaben ihr Geld für Jahreskarten auf dem Fußballplatz und allem Schnickschnack aus oder verbrachten ihre Freizeit in irgendwelchen Partyschuppen oder Discos. Einige andere hatten schon Motorräder oder Autos. Kostete ja auch alles Geld. Wir dagegen haben gespart, gespart und dann, wenn Geld genug da war, angeschafft.

Also: Gitarren eingestöpselt, Gesangsanlage Probe laufen lassen. Instrumente gestimmt. Los geht `s.

So einfach war das damals. Ich erinnere mich noch an eine Show der Small Faces in der Sendung Beat Beat Beat im Fernsehen. So um 1965 oder 1966 muss das wohl gewesen sein. Orgel, Bass und Gitarre gingen direkt ohne Umwege in die Verstärker. Und ohne irgendwelche Tricks oder weiterer Technik hauten Steve Marriott und seine Kumpels alles an Hits raus, was damals von denen angesagt war: Von Sha-La-La-La-Lee bis All Or Nothing. Beeindruckend. Kann man sich heute noch auf You Tube ansehen.

Gleiches gilt übrigens auch für The Spencer Davis Group und andere Bands dieser Zeit. Einschalten, einstöpseln, fertig. Direkt und ehrlich. Ohne Tricks und doppelten Boden. Höchstens mal die Lautstärke nachregeln. So mag ich Musik.

Aber alles Schöne hat ein Ende. So war es auch bei uns. Nach viel Spaß, den wir hatten und einer Zeit, in der wir viele neue und interessante Leute trafen, ging langsam das Licht aus. Unser Michael hatte seine zukünftige Ehefrau tatsächlich in einer der Vorstellungen kennengelernt, gab sein Studium auf und wechselte in eine gut bezahlte Vollzeitstelle, die seine ganze Aufmerksamkeit und seinen ganzen Einsatz forderte.

Harry, unser Leadgitarrist, lernte ebenfalls ein Mädel kennen, mit dem er sich längerfristig verbandeln sollte und trat ebenfalls wegen seines Berufes zurück.

Helmut hatte plötzlich keine Lust mehr, äußerte sich aber nicht weiter. Ich denke einmal, es gab irgendwelche familiären Probleme, die ihn belasteten.

Zehn Packen weniger neun Packen ist gleich Einpacken, hieß es irgendwann. Damit war die Jugendheim- und Beat-Festival-Ära beendet. Bei einigen

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