CAMPINGPLATZMÄDEL

Nee, Moder! Ausgerechnet nicht jetzt noch, wo ich doch noch zwischen der Birgit von der Arbeit und ihrer Schwester Micky Hin und Her am Überlegen war. Und ich „Bei Toni“ in der Eisbude, der auch Alkohol ausschenkte und das Ding eigentlich schon fast ne Kneipe war, schon eine neue Flamme entdeckt hatte. Nicht jetzt, Moder!

Außerdem hatte ich mir inzwischen angewöhnt, zweimal in der Woche zum Krafttraining zu gehen und zusätzlich einmal in der Woche, meist samstags am Vormittag, ins Hallenbad zum Schwimmen. Zwei Stunden Schwimmen, eine Stunde Sauna. Baute unglaublich auf. Nicht nur den Körper. Auch den Geist und die Seele. Glaubt mir. Probiert das mal.

Dann kam ein Samstag im August: Der Onkel Walter hatte uns alle auf „seinen“ Campingplatz eingeladen. So mit Übernachtung und sonnen Müll. Die Moder war schon ganz aufgeregt und hat Klamotten gepackt, als wenn sie in Urlaub fahren würde. Ich und der Vadder aber dagegen blieben, wie es sich für Männer gehört, ganz gelassen.

Auf dem Hinweg hatte ich dann zu verstehen gegeben, dass ich auf keinen Fall dort übernachten werde und die paar Kilometer, sobald der „gemütliche Teil“, den der Onkel Walter uns angedroht hatte vorbei war, nach Hause fahren würde.

„Na gut“, meinte die Moder. „Dann habe ich auch mehr Ruhe, wenn nachts jemand zu Hause ist.“

Der Vadder grinste sich eins.

Wir sind dann dort angekommen und haben im Verlauf des Tages einige nette neue Leute kennengelernt. Unter anderem ein relativ fleischliches Ehepaar aus Wendmund mit ihren beiden Töchtern. Die eine ziemlich spuchtig und viel zu jung für mich, die andere so mein Alter und wenn man etwas getrunken hatte, dann könnte die auch gut aussehen. Oder wenn es dunkel ist.

Als die Grillzeit und das damit verbundene Abendessen und Trinkgelage der Erwachsenen vorbei war (meine Eltern beteiligten sich nicht daran, da sie beide keinen Alk abkönnen und falls bei uns zu Hause mal jemand auf Besuch kommen würde, dann hätten die lediglich eine angebrochene Flasche Mariacron im Barfach. Von der wüßte man aber auch nicht, wie lange die schon offen da drinnen gestanden hat und ob das Dreckszeugs noch genießbar ist), ich mit der älteren der beiden Töchter an den kleinen Fluss und uns bei Einbruch der Dunkelheit auf einer Decke nen „Gemütlichen“ gemacht.

Wobei: DER FLUSS, das war eigentlich eine bessere Köttelbecke. Falls da jemand in seinem besoffenen Kopp reinfallen sollte, würde der noch nicht einmal ersaufen.

Die Kleine hatte schon so zwei-, vielleicht auch  drei Flaschen Bier auf. Und ungefähr drei bis fünf Appelkorn. Oder mehr? Keine Ahnung, was die Kleine vertragen kann. Vielleicht säuft die ja öfters. Ihr Alter hatte jedenfalls schon so eine richtige dicke und rote Knubbelnase. Der haut sich bestimmt öfter einen hinter die Binde. Manchmal färbt das ja dann ab auf die Blagen. Ich will aber hier nichts unterstellen, was nicht der Wahrheit entspricht.

Ich hatte natürlich nichts getrunken, da ich ja nach Hause wollte. Wie erwartet und von mir auch beabsichtigt, kamen wir uns näher und näher und näher. Gegen 23 Uhr hatte ich dann mehrere angenehme Gefühle hinter mir. Aber außer ein bisschen Gefummel war da nix zu wollen.

Erstmal. Und ich wollte ja los nach Hause. Deswegen konnte ich da nicht noch länger rummachen, ohne dass irgendetwas passierte.

Also: „Tschüss. Bis morgen. Wir sehen uns.“

 Und ich dann ab. Als ich auf die Landstraße Richtung Waldern – dem kleinen Ort, der zwischen dem Campingplatz und unserer Stadt lag – einbog: NEBEL! Waschküche, sozusagen.

Schön im Schritttempo, nahe an der Mittellinie orientiert und Richtung Waldern gefahren. In Waldern selbst wurde der Nebel dann weniger und ich konnte durchdüsen bis nach Hause. Dachte ich. Bis mich eine Polizeistreife in Zivil anhielt. Die waren die ganze Zeit hinter mir und das hatte ich natürlich nicht bemerkt. In Gedanken war ich schon „Bei Toni“ in der Kneipe und in der Hoffnung, dass eventuell meine Ausgeguckte da war. Na ja. Ich kramte schon mal meine Papiere aus der Hose und kurbelte das Fenster runter. Dann sah ich in ein von einer Taschenlampe angeleuchtetes, weibliches Gesicht:

„Guten Abend. Fahrzeugpapiere und ihren Führerschein bitte. Sie sind vorhin etwas zu schnell gewesen. Deshalb halten wir sie an“, sprach die brünette Schönheit zu mir.

„Oh. Das tut mir leid. Normalerweise achte ich immer schön auf den Tacho. War ich wohl in Gedanken ganz woanders. Und der Nebel….da habe ich, glaube ich mehr darauf geachtet, als auf den Tacho“, gab ich vorsichtig zur Antwort.

Dann überreichte ich ihr meine Papiere und konnte es mir nicht verkneifen, noch einen Spruch in ihre Richtung loszuwerden:

„Sagen sie mal. Ich hätte sie nie als weibliche Polizeibeamtin eingeordnet, obwohl sie in einer Uniform bestimmt auch eine gute Figur machen würden. Aber ich sehe sie eigentlich ganz woanders.“

„So?“, antwortete sie. „Wo sehen sie mich denn?“, wollte sie wissen.

„Na, bei ihrem Aussehen und ihrer Figur würde ich sie eigentlich hinter dem Empfang eines internationalen Fünf-Sterne-Hotels als Chefconcierge sehen. Oder als Model oder so!“, antwortete ich ihr.

Ob sie Rot geworden ist, konnte ich in der Dunkelheit nicht erkennen, aber angenehm überrascht war sie sicher. Das merkte ich an ihrem Lächeln und dachte so bei mir, dass für sie die Nachtschicht sicher gerettet wäre. Mit einem Lächeln auf ihren ebenen Gesichtszügen eilte sie zurück zu dem Zivilfahrzeug, um die Papiere zu überprüfen. Ihr Kollege stand die ganze Zeit neben meinem Auto auf der Beifahrerseite. Ich konnte natürlich nicht wissen, ob er etwas von unserem Wortspiel mitbekommen hatte, sah sie aber in meinem Rückspiegel beide breit grinsen. Das schützte mich allerdings nicht vor dem Bußgeld in Höhe von DM 30,00, das ich sofort löhnte.

„Und achten sie jetzt ein wenig auf ihre Geschwindigkeit“, gab sie mir noch nach einem höflichen „Gute Nacht“ mit auf den Weg.

Ich dankte ihr und wünschte auch ihr eine „Gute Nacht“. Nettes Erlebnis. Trotz der dreißig Okken.

NACHTCLUB-ERFAHRUNGEN

Es war ungefähr so gegen 24 Uhr, als ich zu Hause ankam. Autochen abgestellt. Kurz die Rollläden an den Fenstern runtergelassen und dann ab zu „Bei Toni“, der als Eisbude geführten Kneipe. Zu Fuß natürlich. Ohne Auto. War ja noch ein bisschen Zeit bis zur Sperrstunde. Und Toni nahm das sowieso nicht so genau damit. Der war eben ein richtiger Italiener.

Viele Kumpels waren noch da und so zog ich mir so zwei, drei Gläser Bier rein und qualmte einige Zigarettchen. Mein ausgeguckter Augenstern, den ich hier vermutete, war allerdings nicht vor Ort.  Schade, dachte ich so bei mir. Hätte gern auch da noch etwas angegriffen. Vielleicht auch mehr. Doppelschade.

Na, egal. Thomas, einer meiner Kumpel, den ich im Sportstudio kennengelernt hatte, kam auf die brillante Idee, den nächsten Nachtclub anzusteuern. Ungefähr Luftlinie fünfhundert Meter entfernt. Aber nicht zu Fuß. Mit seinem Auto. Und jetzt, Freunde, haltet euch fest und schnallt euch an. Er, in seinem halb besoffenen Kopp, noch drei andere Kumpels eingeladen und wir alle in seine Karre. Er fuhr zu der Zeit den sogenannten „Volksporsche“.  Einen Porsche 914. Einen Dreisitzer mit zwischen den Vordersitzen integriertem Notsitz. Daher war das Teil offiziell ein Dreisitzer. Mittelmotor.

Kofferraum vorne. Wir waren also, einschließlich Fahrer, zu fünft. Vier quetschten sich vorne irgendwie zusammen rein und ich, wohin auch sonst, in den Kofferraum. Die Haube hielt ich von innen an dem Verschluss fest. Keine Ahnung mehr, wie das noch ging.

Die ungefähr 500 m von „Bei Toni“ bis vor den Nachtclub hatten wir heil überstanden, stiegen aus und stürmten die Bude. Anbimmeln, Gesichtskontrolle, Tür auf, drin!

Erstmal zehn Mark löhnen und eine Getränkemarke in Empfang nehmen. Jeder. Wegen dem Gesöff. Ich bestellte ein Bier und......Bumms!, war die Marke schon verbraucht. Die zehn Öschis würden mir also jetzt die Kehle runterlaufen. Dazu kam, dass das Gesöff aus dem billigsten Bier bestand, das damals zu dieser Zeit zu bekommen war. Und dann auch noch lauwarm. Bei lauwarmem Brief bekam ich immer Brechreiz. Brrrrr.

Dann kamen so Mädels zu uns an die Theke. Und da habe ich dann mehr oder weniger fluchtartig dieses Etablissement verlassen müssen. Die „Mädels“, das waren Frauen jenseits der dreißig oder auch weit über vierzig. Nee. Danke. Vermutlich zu Hause ganz brave Hausfrauen mit zwei oder drei Blagen und einem Kerl, der ansonsten auf der siebten Sohle aufem Pütt schuftete. Hatte ich auch später nie verstanden, dass die Kerls ihren Weibern erlauben, entweder in Nachtbars zu arbeiten oder die gar ganz aufen Strich schickten. Komische Menschen. Na. War ja nicht mein Problem. Also: Taxi angehalten und ab nach Hause. Kopfschmerz wegschlafen. Am nächsten Tag war ja Sonntag und ich musste nachmittags noch die Eltern abholen.

Als ich wach wurde, da hatte es bereits 12 Uhr mittags geläutet und ich schob mir so ein- oder zwei Scheiben Brot zwischen die Zähne.

Bisschen Musik gehört und ein wenig auf dem Bass gespielt. So ohne Verstärker, denn den hatte ich ja immer noch nicht. Das wäre so der nächste Schritt, dachte ich bei mir. Für einen vernünftigen Bassverstärker, oder besser: Ein Bass-Stack, zu sparen.

Gegen 14 Uhr machte ich mich dann reisefertig für die ungefähr 14 oder 15 Kilometer zum Campingplatz. Hoffentlich ist die Ische von gestern Abend nicht mehr anwesend, dachte ich noch so.

Diese Hoffnung wurde beim Einbiegen in die Zufahrt zum Campingplatz dann enttäuscht. Die stand doch tatsächlich vorne am Parkplatz und schien auf mich zu warten. Und der Scheiß war: Ich wusste noch nicht einmal mehr ihren Namen. Nützte nichts. Ich musste ja aussteigen und die Tante zumindest höflich – mehr oder weniger – begrüßen und ihr vorsichtig zu verstehen geben, dass ich kein weiteres Interesse hätte. Ohne sie zu verletzen, natürlich.

Im hellen Tageslicht sah die auch noch fürchterlicher aus als im Dunkeln gestern Abend. Ausgestiegen. Tür zu.

„Hallo.“

„Hallo“, kam es zurück. Fertig erst mal.

Dann zu der Bretterbude, die Onkel Walter „sein Büro“ nannte. Und nochmal zu dem Wohnwagen und den Wohnwagen-Nachbarn und dann eine mittelgroße Verabschiedung.

Die Kleine kam angelaufen und fragte mich, ob und wann ich denn wiederkäme. Sie wäre ja mit ihren Eltern bis Wintereinbruch jedes Wochenende hier auf dem Campingplatz.

Tja, da war mein Problem. Ehrlich sein und nicht anecken oder jemanden beleidigen oder verärgern oder gar verletzen. Ging aber alles irgendwie nicht. Man muss einfach manchmal geradeheraus sein und ohne große Umwege seinen Standpunkt klarmachen dürfen, oder?

Ich also: „Sorry, tut mir leid. Aber ich bin, so glaube ich, nicht unbedingt der Campingplatz-Typ oder so etwas. Und das Ding mit der Einladung von meinem Onkel habe ich nur mitgemacht, weil ich meinen Eltern mal nen Gefallen tun wollte. Vielleicht wiederholt sich das ja nochmal. Aber ich glaube nicht, dass aus uns fest was werden würde.“

Peng! Hatte gesessen. Leider. Sah ich ihrem Gesicht an. Ihre Gesichtszüge entgleisten nämlich umgehend.

 Entgegnung von ihr:

„Ja, aber.....du hast doch ein Auto. Und ich mache auch gerade den Führerschein. Vielleicht kannst du ja mal zu uns nach Hause kommen und wenn ich den Führerschein habe, könnte ich dich besuchen. So im Wechsel oder so.“

Herrlich, nicht? War zu erwarten. Wie komme ich jetzt aus diesem Müll wieder raus?

„Also“, sagte ich jetzt, „lassen wir dat einfach mal offen. Ich kann und will dir nix versprechen. Abba übernächste Woche wolln meine Eltern am Wochenende ja wieder hierher. Schaun wir mal, okay?“

„Ja, wenn du meinst“, antwortete sie mit einem gekränkten Augenaufschlag. Meinte ich wenigstens, das so erkannt zu haben.

Die Moder und den Vadder dann ins Auto geschoben und schnell weg.

Ich glaube nicht, dass ich die Tusse noch einmal wiedergetroffen habe. Wenigstens nicht bewusst. War ja auch überhaupt nicht mein Typ. Entschuldige. Wie auch immer du geheißen haben magst. Wie gesagt: Die konntest du dir eventuell schönsaufen. Aber sonst?

Ich hatte auch noch anderes zu tun. Die Prüfungen standen kurz bevor. Einmal die mittlere Reife bitte und dann hinterher noch meine zweite Ausbildung abschließen.

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