1. Schiefhals, zwei Zimmer, Küche, Bad

 

Tja, da war es nun passiert: 03.03.1953, 00.21 Uhr, Belinghausen, Kreiskrankenhaus. Plumps. Ich war da. Ich bin Horst. Das wusste ich aber damals noch nicht.

Hallo! Haaaallooooo!

Wieso in der Kreisstadt und nicht zuhause in Varl-Holt? Einfache Antwort: Weil Mama etwas penibel war und das Krankenhaus bei uns zu dieser Zeit nur aus Nachkriegsbaracken bestand. Das war nichts für meine Mama. Und eine Hausgeburt schon gar nicht! „Dat ist ja ‘ne Sauerei“, wie mein Opa zu sagen pflegte.

Und: Wieso Horst? Auch ganz einfach. Mama diskutierte mit Papa über Vornamen und kam zu der Erkenntnis, dass ein Name wie Horst nicht „verhunzt“ werden kann, wie zum Beispiel Rolf als „Rolfi“ oder „Rolli“, Bernhard als „Bernie“ und so weiter. Sie ahnte nicht, dass ich später unter anderem trotzdem „Hotte“ gerufen werden sollte! Die Leute hielten sich eben nicht an die Vorgaben und Wünsche und Vorstellungen von Mama. Und wenn die meine Mama kennen würden, könnten sie das vermutlich besser verstehen. Und so hieß ich dann eben Horst und mit zweitem Vornamen Rüdiger. Oh je.

Da ich etwas untergewichtig zur Welt kam, dauerte mein Aufenthalt im Kreiskrankenhaus etwas länger als geplant. War aber nicht schlimm. Viel merkte ich sowieso nicht – beziehungsweise, ich kann mich an vieles gar nicht erinnern. Das liegt aber wohl in der Natur der Sache. Doch - etwas war da noch. Die Tatsache, dass mir irgendwer irgendwann später an meiner rechten Halsseite herumfummelte. Nachher, so mit fünf oder sechs Jahren, ist mir dann bekannt geworden, dass es sich um eine kleine Operation gehandelt hat, um einen sogenannten „Schiefhals“ zu beseitigen und um eventuelle damit in Zusammenhang stehende Probleme zu verhindern.

Nicht alle Ärzte oder Hebammen können diese Fehlstellung aber bei Neugeborenen sofort erkennen. Eltern, die das ebenfalls nicht wahrnahmen und nicht entsprechend eingriffen - siehe kleine Operation - hatten später das Problem, dass ihre Kinder unter Umständen mit einem schief gehaltenen Kopf herumliefen. Sah lustig aus, war aber wohl nicht so toll für die Betroffenen. Glaube ich wenigstens.

Ansonsten muss ich technisch gesehen einigermaßen in Ordnung gewesen sein, denke ich. Und wisst ihr was? Ich hatte ab sofort auch eine eigene Hausärztin. Kinderärztin nennt sich das. Oder auch Kinderarzt in der männlichen Form. Ich hatte aber eine Ärztin! Frau Dr. Gogel. Zum Glück wohnte die auch in unserem Stadtteil und so hatten wir keine langen Wege zu ihr. Da Mama mich nicht stillen konnte, war sie mit mir sehr häufig bei Frau Dr. Gogel und damit Stammgast. Oder, anders ausgedrückt, Stammpatient.

Mama holte sich die besten Tipps und Ratschläge für die richtige Ernährung und so fort. War ihr wichtig. Mir sollte es wirklich an nichts fehlen. Und Mama war – eben penibel. Mit allem. Auch mit mir

Irgendwann ging es dann ab nach Hause. Varl war eine Kleinstadt und neben der Kreisstadt Belinghausen die zweitgrößte von insgesamt elf zum Landkreis gehörenden Städte. Damals waren wir, so glaube ich, ungefähr 50.000 Einwohner. Und unsere Stadt Varl bestand aus 9 Stadtteilen. Alles geographisch noch etwas zerrissen. Hauptsächliche Einkommen wurden aus der ansässigen Chemie- und Kohleindustrie generiert.

Bei den „richtigen“ Bergleuten wurde das Chemiewerk auch etwas herablassend „Gummizeche“ genannt.

Die chemischen Fabriken in Holt boomten genauso wie die beiden Zechen in unserer Stadt. Ich oute mich hiermit als Sohn eines Bergarbeiters, Bergmanns oder Kumpels; auch Püttrologe genannt.

Im Ruhrgebiet ging’ s immer gut zur Sache. Verbal und von der Lebensart her. Hatte alles einen gewissen Charme mit dem ich aufgewachsen bin und den ich heute nicht missen möchte. Der Ruhrpott hat mich geprägt und geformt.

Unsere Wohnung befand sich in einer typischen Bergarbeitersiedlung in einem Haus mit drei Eingängen und jeweils vier Parteien. Mittlerer Eingang. Erdgeschoss links. Berndtstraße 4. In diesem Haus waren wir die einzige Familie mit einem Kind. Über uns wohnte Frau Heijke, eine alte Oma schon, wahrscheinlich Witwe. Immer sehr leise, ja fast unauffällig.

Dann oben noch Frau Schriller und neben uns Frau Martenberg. Alleinstehend. Keine Ahnung wieso. Vielleicht wegen der Augen. Sie hatte so komisch stechende Schlitzaugen. War für Männer vielleicht nicht so sexy. Eventuell war sie auch irgendwann einmal verheiratet. Keine Ahnung. War aber auch uninteressant, weil Mama sie sowieso nicht besonders mochte. Mama sagte, sie habe „böse“ Augen.

Haustür auf, drei Treppen hoch, dann geradeaus, Flurtür auf und schon stand man in unserer kleinen aber feinen Mietwohnung, besser gesagt, im Flur. Ich sage lieber „im Flürchen“, denn groß war dieser Zugang zum Wohnzimmer nicht.

Links 'rum geradeaus: Wohnzimmer. Geradeaus vom Hausflur aus: Toilette. Alles ziemlich Mini. Analog klein dazu die beiden „Hauptzimmer“: Wohnzimmer und Schlafzimmer. Die Küche, in der man eigentlich nur stehen konnte, war durch einen Vorhang vom Wohnzimmer getrennt.

Das Bad bestand nur aus einer Toilette mit dem damals üblichen, oben knapp unter der Decke hängenden Spülkasten mit Zugspülung: Man zog an einer Kette, die herabhing und löste damit die Wasserspülung aus. Ein kleines Waschbecken und eine Badewanne, die allerdings für Erwachsene zu kurz war; das war das Bad. Befeuert wurde der Wasserboiler, der das warme Wasser für die Badewanne liefern sollte, wie ebenfalls zu dieser Zeit üblich, mit Kohle. Alternativ auch mit Briketts oder Koks.

Wollte man also Baden, musste man erst einmal eine Stunde vorher den Boiler anheizen. All das fiel mir aber damals gar nicht so auf. Der Lebensmittelpunkt war für mich sowieso entweder das Wohnzimmer oder später, und das mit Vorliebe, draußen.

Das Leben in der Wohnung spielte sich also auf ungefähr maximal fünfundvierzig Quadratmetern ab. Beengt, aber lustig. Vor allem, wenn ich als Baby auch hin und wieder aufs Töpfchen musste. Direkt nach dem Töpfchen wurden alle Fenster aufgerissen. Ihr wisst warum, oder?

Im Winter waren diese kleinen Buden, obwohl mit nur einem Kohleofen beheizt, generell überhitzt. Das war aber reine Gewöhnungssache, wie so vieles andere auch.

Heizung gab es nicht. Aber, wie oben schon angedeutet, einen mit Kohle beheizbaren Ofen, der im Wohnzimmer stand und einen sogenannten Herd, auf dem auch gekocht wurde, in der Küche. Fließend warmes Wasser gab es schon einmal gar nicht. Wenn mein Badetag anstand, meist samstags, wurden ein Kessel und mehrere Töpfe mit Wasser gefüllt, auf dem Küchenherd zum Kochen gebracht und anschließend wurde das heiße Wasser dann in eine stählerne Badewanne, wir nannten das Ding „Pullefass“, gefüllt. Diese Wanne war oval mit einem Durchmesser von ungefähr einem Meter an der breitesten Stelle. Damit ich mir nicht den Hintern und mehr verbrannte, wurde mit kaltem Wasser ausgeglichen.

Aus Platzgründen war die Wanne im Keller untergebracht, wenn sie nicht gebraucht wurde. Jede Wohnpartei hatte nämlich einen eigenen, abschließbaren Kellerraum. Welch ein Luxus. War aber wichtig. Zum Beispiel zum Abstellen der wertvollen Fahrräder, die das am meisten genutzte Fortbewegungsmittel waren. Einige wenige Mopeds gab es schon und die Automobilindustrie befand sich in diesem Jahrzehnt nach dem Krieg noch in der Aufbauphase. Wenige Jahre später sah das dann schon etwas anders aus.

Glaubt mir, ich habe mir später viele Gedanken gemacht und auch Fragen gestellt, die ich nie richtig beantwortet bekommen habe, warum diese Blechwanne „Pullefass“ genannt wurde. Nicht nur von mir oder uns; von anderen Eltern und Kindern ebenso.

Lag es daran, dass die Kinder, wenn sie in das warme Wasser gelegt wurden, sofort „pullern“ mussten, also da hinein pinkelten? Aber dann müsste es doch eigentlich „Pullerfass“ heißen. Oder wurde das „r“ bei der Aussprache des Wortes verschluckt?

Aber es hieß eben „Pullefass“. War es vielleicht abgeleitet von dem Pullermann, also dem kleinen Pillermann, den ja (fast) alle Jungs hatten? Aber dann würde das Pullefass bei den Eltern die Mädchen hatten, vermutlich anders genannt werden. Oder vielleicht doch nicht?

Der Einfachheit halber wurde dieser Begriff dann später, und zwar noch für einige Jahre auf eine „richtige“ Badewanne übertragen, beziehungsweise wurde er der Einfachheit halber übernommen. „Pullefass ist fertig“, rief der Papa dann und ich wusste Bescheid was kommt.

Also: Kurz und gut, ich weiß nicht, warum es Pullefass hieß und es gab auch später nie eine befriedigende Erklärung.

Gut war auf jeden Fall, dass Papa Bergmann war und so kostenlos an Brennstoffe kam, dem sogenannten Deputat, das allen Bergarbeitern zustand. Dieses Deputat konnte, wie bei uns, Kohle sein, oder aber auch aus anderen Brennstoffen wie Koks oder Briketts bestehen.

Zum Anmachen von Feuer mit oben genannten Brenn- bzw. Heizmitteln benötigte man Holz. Auch hier bekamen die Bergleute schon einmal ein „Klötzchen“: Fertig gespaltenes Holz, mit Draht zu einem runden Klotz gebunden.

Und es gab kostenlos Seife. Kernseife mit Namen „Bergmannsglück“. Diese Seife war besser als alle anderen Seifen, die es damals zu kaufen gab. Für den Bergmann nur das Beste.

2. Grundbegriffe

 

Für alle, die nicht zurechtkommen mit den Begriffen, hier noch einmal ein kurzer Überblick:

Blagen wurden alle Kinder genannt bis ungefähr im Alter von vierzehn Jahren. Gleich, ob Männlein oder Weiblein. Die Mädchen nannte man Schicksen, die Jungen Bengel. Alternativ zu Blagen konnte auch der Ausdruck Kröten fallen und alternativ zu Schicksen auch Scheesen oder Ischen (was immer das auch heißen mag).

Bei Jungen gab es so einige Alternativen. Eventuell noch Zwerg. Das war dann auf die Körpergröße bezogen. Oder auch Rotzlöffel, Rotzbengel und Lümmel oder Hosenscheißer. Letzterer Ausdruck wurde aber nicht von den Eltern oder so benutzt, sondern eher von den großen bis fast schon erwachsenen Bengeln.

Rotzlöffel und/oder Rotzbengel bezog sich auf die öfter laufenden Nasen bei uns. Das austretende Sekret wurde der Einfachheit halber mit den Ärmeln abgeputzt. Taschentücher waren Mangelware und störten in der Hosentasche. Nur die Kinder von gut betuchten Familien führten Taschentücher mit sich. Einige von diesen Dingern waren sogar aus Seide.

Und weil die Taschentücher immer nach Gebrauch gewaschen werden mussten, verzichteten wir Blagen aus einfachen Verhältnissen größtenteils allein schon deswegen darauf. Wir brauchten die Taschen für andere Dinge: Steine, Krampen, Nägel, Taschenmesser und so' n Zeugs. Da passte kein Taschentuch mehr rein.

Im Sommer in kurzärmeligen Hemden bildete sich dann meist auf dem Unterarmrücken von dem Nasensekret ein Schmierfilm. Analog dazu im Winter auf den Ärmeln der Pullover auch. Nur - dort trocknete er schneller. Der Begriff „Knirps“, abgeleitet von einem Taschenschirm, wurde ab sozialer Mittelschicht für den Ausdruck Bengel benutzt. Mittelschicht hieß damals bei uns: Püttrologen im Anzug. Also die Angestellten auf Zeche, die irgendwo im Büro arbeiteten in der Verwaltung einer Zeche.

Die hatten nicht nur größere Wohnungen, sondern auch schönere und die Häuser und Wohnungen waren nicht unbedingt in eine reine Bergmannssiedlung direkt integriert. Die lagen dann mehr so am Rande. Die waren also sozusagen „etwas Besseres“, meinten die jedenfalls.

Der Bergwerksdirektor von der Zeche auf der mein Papa arbeitete, wohnte in einer sogenannten „Dienstvilla“. Das Ding steht heute noch. Gelegen mitten in einem parkähnlichen Grundstück mit vielen Bäumen drumherum und einer großen Wiese hinter der Villa.

„Lümmel“ war auch ein gern benutzter Ausdruck für „böse Jungs“. Und woher dieser Ausdruck kommt? Ratet mal.

Bei uns im Ruhrgebiet waren dann sprachlich noch „dat“ für das und „wat“ für was gebräuchlich. Betten hießen „Pofe“, schlafen „pofen“, die wechselnden zeitlichen Arbeitseinsätze der Bergleute nannte man „Schichten“. Das war aber für andere Arbeitnehmer, zum Beispiel in der Chemieindustrie, ebenso gebräuchlich.

Und „mir“ und „mich“ sowie „dir“ und „dich“ wurden auch gern verwechselt. „Gibse mich 'ne Kippe, gib ich dich auch Feuer“, heißt das dann.

Wir Kinder mussten zu allen Bekannten und Erwachsenen immer entweder Onkel oder Tante sagen, unabhängig davon, ob es tatsächlich Verwandte waren oder nicht. Zu alten Erwachsenen eben Oma oder Opa. Weitere Eigenschaften des Ruhrpottdeutsch erkläre ich euch, wenn wir zu den entsprechenden Stellen hier kommen. Damit ihr es auch versteht.

  1. Berndtstraße - die Nachbarn, die Blagen

 

In den Mietshäusern war und ist es auch heute noch üblich, dass die Wohnparteien abwechselnd den Flur putzen mussten bzw. müssen.

„Flurwoche“ nannte beziehungsweise nennt sich das. Und man teilte sich auch die „Kellerwochen“. Das heißt, es gab einen Waschkeller mit einem Kochkessel, der mit (wieder) Kohle beheizt wurde, und eine Holzwaschmaschine. In dem Kochkessel wurde die Wäsche gekocht; in der Waschmaschine wurde die Wäsche gewaschen. Dieses Ungetüm von Waschmaschine bestand aus einem Holzbottich auf Eisenfüßen, dreibeinig, und unterhalb des schweren Deckels war ein Mechanismus angebracht, der mit Wasserdruck drei große, im gleichen Abstand stehende, ich nenne sie einmal Holzprengel, antrieb. Diese Prengel waren auf einer Scheibe montiert und besaßen Löcher, damit das Wasser durchlaufen konnte. Diese Waschmaschinen wurden dann mit Wasserdruck in Bewegung gebracht.

Tolle Erfindung, das. Die Dinger bewegten sich dann bei geschlossenem Deckel eine halbe Runde nach links und dann eine halbe Runde nach rechts. Rumms…rumms – und das dann mit begleitetem Geplätscher vom Wasser in diesem Bottich.

Diese Prengel rührten sozusagen die Wäsche durch und man konnte sie dann nach mehreren Stunden sauber wieder entnehmen und mangeln oder auf die Bleiche (Wiese) bringen. Sollte mal kein Wasser das sein, hatten die Dinger auf dem Deckel eine Handkurbel. Mit der konnten die Hausfrauen in Notfällen die Prengel auch mechanisch bewegen. Linksherum, Rechtsherum. War mühsam.

Wenn aber Wasser zur Verfügung stand: Rumms, rumms, und das dann stundenlang. Da mussten natürlich Zeiten eingehalten werden. Von wegen Ruhezeiten und so. Aber einige Bewohner, vor allem die Nachbarn mit vielen Kindern - denen waren die Zeiten so ziemlich egal. Da liefen dann die Dinger gern schon mal sonntags oder abends. Rumms, rumms. Viele Kinder, viel Wäsche. Niemand beschwerte sich.

Das Waschen allein war schon eine Heidenarbeit. Stellt euch einmal vor, ihr müsstet heute noch so waschen. Da könnt ihr einen ganzen Tag, je nach Wäschemenge, gleich vergessen. Denn die Wäsche musste ja noch gemangelt oder gebügelt werden. Ist nichts mehr mit „zwei Verdiener, meine Frau hat auch einen Vollzeitjob, doppeltes Einkommen“ und so weiter. Könntet ihr euch direkt im Vorfeld schon abschminken.

Die Überlegung alleine wäre schon keinen Zeitaufwand wert. Putzen, waschen, Kochen, Bügeln, Mangeln, Einkaufen, ein Schwätzchen halten, sich um die Beete im Gartenstück und um die Blagen kümmern - da haste vierundzwanzig Stunden mir nichts-dir nichts 'rum. Inklusive ein paar Stunden Schlaf natürlich. Die Bleiche, das war das Rasenstück zwischen dem breiten Hofweg hinter unseren Häusern, der aus schwarzer Asche bestand, und den zu den Wohnungen gehörenden Gartenparzellen. Ja, ihr lest richtig: Jede Wohneinheit hatte eine eigene Gartenparzelle hinter den Häusern. „Unser Garten“ hieß das im Volksmund.

Der Vermieter, in diesem Fall die Zechenbetreiber als Eigentümer, hatten auf den Bleichen eine Rohrkonstruktion erstellt, die aus mehreren „Brücken“ mit Haken unterhalb der Querstangen in ziemlich gleichen Abständen bestanden.

Diese „Brücken“ standen auch in gleichem Abstand zueinander. So konnte man zwischen diesen Brücken eine Wäscheleine spannen, um dort die Wäsche aufzuhängen. Oder über die Querstangen auch einen Teppich oder eine Brücke, die zu dieser Zeit noch in Mode waren, werfen.

Die Wäscheleinen bestanden aus einem Gewebe namens „Sisal“. Ziemlich rau, aber stabil. Bald gab es aber auch Leinen aus Kunststoff.

Aber zurück zum Wäsche aufhängen.

War klasse. Wenn Wäsche hing, konnten wir Blagen die gut zum Versteck spielen nutzen. Am liebsten waren uns die Bettlaken und Teppiche. Unterwäsche und Hemden und Hosen nicht so. Schön groß und ausreichend Platz boten eben die größeren Wäschestücke und die Teppiche, um sich dazwischen zu verstecken. Manchmal fehlte auch plötzlich ein Wäschestück... Oder eine Brücke...

Apropos: Verlust von Wäschestücken. Das passierte auch im Herbst oder Winter, wenn die Wäsche zum Trocknen auf dem Dachboden oder im Keller aufgehängt wurde. Entweder wollten die Blagen jemanden ärgern, oder bei einigen fehlte eben irgendwie ein Kleidungsstück und man hatte kein Geld oder keine Lust, um es neu zu kaufen. Ich betone: K a n n  so gewesen sein, m u s s  aber nicht! „Größe ungefähr passend? Dann nimm ich ma' mit.“

Teppiche und Brücken und Läufer wurden damals übrigens noch geklopft. Staubte ohne Ende und du mittendrin. Musste dir mal vorstellen. Da kriegte der Bergmann nicht die Staublunge von unter Tage malochen, sondern vom Teppich klopfen.

„Staublunge“; das war übrigens damals eine weitverbreitete Lungenkrankheit bei den Bergleuten, die unter Tage arbeiteten. Der feine Kohlenstaub legte sich zwangsweise in der Lunge ab und verursachte Spätschäden. War nicht so toll, wenn einer so was hatte. Husteten immer ohne Ende und spuckten dann aus. Igitt, sage ich euch. Mein Papa hatte so was, Gott sei Dank!, nicht bekommen. Ich war eines der wenigen Einzelkinder. Einige Familien hatten zwei, vier oder gar sechs Kinder. Es gab also genug Spiel- und Spaßkameraden. Passte aber auch wohnraummäßig alles ganz gut, denn die Eckwohnungen der Häuser waren meist größer als unsere „Mittelwohnung“. Die hatten dann dreieinhalb oder viereinhalb Zimmer und teils konnte man, auch bei uns, den Dachboden noch mitnutzen. Viele Kinder und somit große Familien brauchen viele Zimmer und damit eine größere Wohnung.

Diesem Bedürfnis wurde mit den Eckwohnungen Rechnung getragen.

Die Wennings im ersten Eingang unseres Blocks hatten fünf Blagen, das sechste war unterwegs. Diese Blagen waren auch schon vor meiner Schulzeit meine besten Kumpels: Der Friedhelm, genannt Freddy, war so um die zwei Jahre jünger als ich; der Bernd, genannt Bernie, war ein Jahr jünger als ich; der Gert, genannt Giddel, war ungefähr drei Jahre älter als ich und der Älteste, Klaus, genannt Klausi, war sogar sechs oder sieben Jahre älter als ich. Ach, waren nur vier, ne? Ja, die Jüngste war 'ne Tochter. Interessierte zu dieser Zeit noch nicht.

Die Krampes wohnten im letzten Eingang und hatten zwei Kinder: Die Sonja und den Fred. Die beiden waren so etwa zwei Jahre auseinander vom Alter her.

Im nächsten Block waren dann noch mehr Blagen, die ich hier gar nicht mehr aufzählen will. Wenn wir am passenden Punkt sind, werde ich sie euch noch vorstellen.

In unserer Straße gab es insgesamt nur vier Häuser. Unseres mit drei Eingängen zu je vier Parteien, dann eine Lücke, dann ein langes Haus mit sechs Eingängen zu je vier Parteien und an der Kopfseite der Straße ein querstehendes Haus mit einem Eingang und vier Parteien. Unserem Haus gegenüber lag noch ein Haus mit einem Eingang und vier Parteien.

Wir wohnten aber nicht in einer Sackgasse, wie man jetzt annehmen könnte, sondern nach dem uns gegenüberliegenden Haus, der Berndtstraße 1, gabelte sich nach links eine neue Straße, die Marthastraße. In der Mitte der Gabelung befand sich ein Löschteich, so dass die Marthastraße in diesem kurzen Bereich zweigeteilt war. Links ein Haus, rechts ein Haus und jeweils ein Haus an den Kopfseiten. Diese beiden querstehenden und die beiden längs stehenden Häuser „rahmten“ sozusagen die Weiterführung der Marthastraße ein, die sich dann zu einer „normalen“, zweispurigen Straße verjüngte bis zur nächsten quer verlaufenden Straße, der Weberstrasse.

Das mit dem Löschteich war irgendwie so ein Vorkriegsding oder so. Mangels ausreichender Versorgung mit Wasser über Hydranten, hatte man für Brandfälle in solchen Siedlungen derartige Löschteiche angelegt, die mit Wasser gefüllt waren, um ohne große Not Löschwasser zu bekommen. Unser Löschteich war schon lange außer Betrieb und führte kein Wasser mehr. Da war die Stadt schon auf dem neuesten Stand. Die Bürgersteige waren zwar noch mit schwarzer Asche und Sand belegt, die Kanalisation aber schon für fließendes Wasser erstellt und Hydranten für die Feuerwehr gab es auch.

Dafür lagen aber in dem ehemaligen Löschteich ganz viele zerbrochene Flaschen und Gläser auf dem Boden. Und Müll. Die Wände dieses Teiches liefen ungefähr vier Meter trichterförmig nach unten, bevor sie die Bodenplatte erreichten. Also eine Wannenform mit planem Boden, sozusagen.

Dieser Löschteich war der Grund, warum bei uns immer etwas los war. Mehrmals die Woche kam ein Krankenwagen, der irgendwelche verletzten Blagen abholen musste, weil die in die Scherben gefallen waren oder mit den Scherben gespielt hatten. Die spielten „Fangen“ und „Verstecken“ und landeten dann in ihrem Übereifer oft auf der Nase, mit den Händen in den Scherben. Großes Geschrei. Tatü-Tata.

Hinter allen Häusern waren dann die Kellereingänge zum Hof hin. War praktisch. Wegen Wäsche auf die Bleichen bringen oder Werkzeug und sonstiges in die Gartenparzellen. Zum Beispiel Bier und Schnaps. Einige hatten sich in diese Gartenparzellen nämlich kleine Gartenhäuser, sogenannte Lauben, hineingebastelt. Da wurde dann auch schon mal gefeiert. Mit Musik aus dem Radio. „Let's Twist again“ oder Mario Lanza klang es dann aus den Gärten. Je nach Musikgeschmack.

Die Bergleute sollten sich in ihrer Freizeit nämlich entspannen. Und was war da besser als Gartenarbeit, verbunden mit gemütlichem Zusammensein?

 

 

 

 

4. Oma und Opa - Hühner und Obstbäume

 

Entschuldigt bitte, dass ich so weit ausgeholt habe. Aber wisst ihr: Das musste ich machen, damit ihr die Zusammenhänge auch für den späteren Verlauf meiner Geschichte besser versteht.

Diese „Kleingärten“ hinter unseren Häusern grenzten dann wiederum an die Gärten der Häuser gegenüber, die an der parallel verlaufenden Hauptstraße lagen. Und da Opa eine von diesen dort stehenden Doppelhaushälften Anfang der dreißiger Jahre gekauft hatte, konnten wir von unserem Küchen- oder Wohnzimmerfenster aus immer direkt schräg hinüber zu Opa gucken, in seinen Garten und seinen Hof und auf die Rückseite seines Hauses.

Die Zeche sagte damals zu den Kumpels, die zur Miete wohnten: „Wir bauen eine Reihe Doppelhaushälften in der Hauptstraße. Einseitig. Gegenüber der Kokerei und den Kühltürmen. Wer will eine kaufen?“ Opa kaufte. Man zog ihm die Raten von seinem Lohn solange ab, bis die Hütte bezahlt war. Die Belege hierfür habe ich noch heute in meinem Besitz.

Dieser Opa, von dem ich jetzt erzähle, war Mamas Vater, der dort mit seiner zweiten Frau lebte. Mamas leibliche Mutter war schon einige Zeit tot. Auch der andere Opa, also der Vater von meinem Papa, war tot. Diese beiden habe ich nicht mehr kennengelernt. Nur Papas Mutter, da waren wir zum Geburtstag manchmal zu Besuch. Die wohnte aber in einem anderen Ortsteil, nämlich im Stadtteil Grewe in der Holundersiedlung auf der Fliederstraße.

„Pappschachtelsiedlung“ wurde diese Siedlung auch genannt. Wegen der winzigen Häuser und den beengten Verhältnissen in denselben. Das störte aber nicht. Den Luxus „Garten“ gab es bei denen auch. Und viele Tauben. Bergleute waren oft sogenannte „Taubenväter“. Nicht alle, aber eben viele. Vor allem die, die schon in Rente waren. Die hatten Zuchttauben und schickten sie öfters auf Reisen. Muss wohl auch um Geld und Anerkennung gegangen sein und so was.

Mir ist das so erzählt worden. Ich selbst hatte und habe keine Verbindung zu Tauben. Und wie sich viele Jahre später herausgestellt hat, war der Taubenkot auch irgendwie giftig. Viele der Taubenväter sind daran wohl erkrankt. Kriegteste also von „unter Tage malochen“ keine Staublunge, hatteste aber Tauben, bekamste eventuell dann davon eine Lungenkrankheit.

Onkel Karl, der Bruder von Papas Mutter und somit Papas Onkel, hatte im Hof bei der Oma auch einen Taubenschlag und „schickte“ die dann.

Und da wir zu der Oma in die Holundersiedlung immer nur mit dem Fahrrad oder dem Bus fahren konnten, waren wir nicht so oft bei denen.

Die andere Oma und der Opa waren ja näher. Eben nur „ums Eck“ herum. Und wenn mein Papa tagsüber arbeiten musste wegen der Wechselschicht, die er jahrzehntelang hatte, gingen Mama und ich eben auch öfter „übers Eck“ zu Opa.

Opa war schon Rentner, gelernter Schuhmacher und ebenfalls ehemaliger Püttrologe. Aber wohl nicht unter Tage wie mein Papa, sondern über Tage bei der Zeche beschäftigt. Was genau der da gemacht hatte...keine Ahnung. Interessierte mich auch weniger. Vielmehr war ja interessant, dass Opa auch Tiere hielt: Eine Katze, die Erna, wegen der Mäuse; einen Hund, den Bobby, wegen was auch immer.

Es gab einen Hühnerstall, so richtig mit Hühnern und einem Hahn. Wie es sich gehörte. Ab und an, aber nicht ständig, hatte Opa auch Kaninchen.

Und: Einmal im Jahr, manchmal auch in längeren Abständen, war Schlachtfest bei den Bergleuten, die so ein Häuschen hatten. Man teilte sich mit einem Nachbarn ein ganzes Schwein oder kaufte sich selbst ein ganzes Schwein oder ein halbes und bestellte dann den Metzger. Die Schweinehälften wurden im Hof sozusagen „vermetzgert“. Oma musste dann alles verarbeiten und einkochen in Gläser. Wurst und Speck und Schinken wurden in den Rauchfang gehängt. Das ist günstig, denn man hatte ja (noch) nicht viel und musste somit eben wenig dazukaufen.

Zugekauft wurde häufig auf dem zweimal wöchentlich in unserem Ortsteil stattfindenden Wochenmarkt. Das war immer Omas Aufgabe und eine der wenigen Abwechslungen, die sie hatte. Da wurde sich dann fein gemacht und Opa zählte ihr das Einkaufsgeld vor. Zettel geschrieben und ab.

Meiner Erinnerung nach war das die einzige soziale Kontaktmöglichkeit für Oma außerhalb der Familie. Bis auf die Nachbarn natürlich. Sie selbst hatte wohl keine Familie mehr.

Einen schönen Garten hatten Opa und Oma, mit vielen Beeten. Radieschen, Petersilie, Kartoffeln, Erdbeeren, Erbsen, Bohnen, Salat, Rhabarber, Möhren, Sträucher mit Himbeeren, Obstbäume mit Äpfeln, Kirschen, Birnen. Ich kann alles gar nicht aufzählen. Blumenbeete waren auch vorhanden. Bergmanns Standardgartenausstattung sozusagen. Obst wurde natürlich auch eingekocht. In Form von Marmeladen oder als ganze Früchte. Letztere auch gern genommen als Nachtisch.

Der Hühner- und Karnickelmist waren übrigens guter Dung und wurde am Ende des Gartens kompostiert. Das war die Grundlage für ein erhöhtes Wachstum des dort sprießenden Rhabarbers.

Und: Die Vorder- und Rückseite des Hauses waren, wie bei vielen Nachbarn hier, berankt. Mit Weinranken. So hatte Opa auch noch Weintrauben gratis. War nur ein bisschen Pflege nötig. Nicht so schön waren dann die Viecher, die von den Ranken im Sommer dann schon mal in den Zimmern 'rumflogen- und krabbelten.

Der Opa Hinrich war ein komischer Kauz. Glatze, Schiebermütze und immer einen Zigarrenstummel im Mund. Meist lief er mit nicht gerade hellem Gesichtsausdruck herum. Überwiegend könnte man sagen: mürrisch! Wie auch immer. Ich beschloss später, ihn ab und an einmal zu ärgern um zu sehen, ob er auch lachen kann.

Einem Bierchen und einem Kurzen (Schnaps) war er nicht abgeneigt. Und da Oma sich ja um alles kümmerte, einschließlich Garten, ging er hin und wieder auch in die Kneipe zu Olga, die ungefähr zweihundert Meter die Hauptstraße lang, an der Opa und Oma wohnten, Richtung Stadtteilmitte Holt, lag.

Links war dann die kleine Kneipe. „Hansaschiff“ hieß die. Wieso mitten im Ruhrpott eine Kneipe maritim benannt wurde, ist mir heute noch ein Rätsel. Und vermutlich nicht nur mir.

Olga, die Inhaberin, war bei Rentnern sehr beliebt. Sie trug immer ein Dirndl mit entsprechendem Ausschnitt. Was an Busen dann fehlte, wurde etwas nach oben gepresst. Und immer, wenn sie sogenannte „Kurze“ (Wacholder oder Korn) ausschenkte, musste sie sich ja ein wenig über die Theke lehnen. Stellte sie ein neues Bier auf die Theke, tat sie das auch. Aber  mit etwas mehr Schub als nötig. Jedoch mit einer gewissen „Hingabe“. Sie hatte da ein gewisses Improvisationstalent. Das musste man ihr lassen.

So etwas mochte die Rentnerband natürlich. Darum hatte Olga immer ganz viele Stammgäste. Kurz: Die Hütte war immer voll. Der Mann von Olga brauchte eigentlich nicht mehr zu arbeiten. Die Kneipe war eine Vollexistenz. Männe, wie ihn alle Rentner nannten, hielt sich sowieso immer im Hintergrund, um die hervorragend laufenden Geschäfte nicht zu stören. Der durfte hin und wieder höchstens mal ein neues Fass anschlagen oder Schnaps aus dem Keller holen.

Hier bei Olga war also der Rentnertreff! Wieso die Männlein so auf Busen standen und dazu noch auf einen künstlich etwas hochgeschobenen bei, wie in diesem Fall, einer Dame mittleren Alters, war mir eigentlich schon irgendwie rätselhaft. Da Olga aber etwas füllig war, zeichneten sich in der Busenmitte zumindest noch keine dieser obligatorischen Falten ab, wie man sie bei Damen ab einem gewissen Alter hätte schon beobachten können.

Aber gut. Auch ich habe viel später erlebt wie aufregend schöne Busen sein können. Aber nicht bei „mittelalten“ Frauen. Wird spannend. Bleibt dran!

Nicht so klasse fanden die Besuche bei Olga natürlich die Ehefrauen der Rentner, also die Omas. Es sei denn, sie waren selbst dem Alkohol zugeneigt. Das war aber die Ausnahme und zu Olga wären sie bestimmt nicht in die Kneipe gegangen. Da gab es in diesen Zeiten noch ausreichend Alternativen was Gaststätten anging.

„Gaststätten“ ist eigentlich ein zu schönes Wort für diese Etablissements. Kneipen oder Pinten wäre treffender beschrieben und so wurden die umgangssprachlich auch genannt. Und es gab an jeder Ecke noch Trinkhallen und Kioske, an denen man sich seinen Bölkstoff holen konnte. Sogar mit „anschreiben lassen“. Die Trinkergurken brauchten sich also nicht unbedingt in eine Gaststätte zu begeben.

5. Abschläge und Restlöhne

 

In dieser Zeit, die ich beschreibe, als so Mitte der Fünfziger bis Anfang der sechziger Jahre, bekamen die „Kumpels“, wie die Bergleute bezeichnet wurden, noch zweimal im Monat ihren Lohn in bar. Briefumschlag, Lohnstreifen drin und die Kohle, also das Geld. Kohle, Knete, Asche, Pulver, Moneten - das waren die gebräuchlichen Ausdrücke für Bargeld. Pinunsen auch, aber nicht so häufig.

Einmal einen Abschlag so um den zwölften eines Monats herum und dann den Restlohn zum Ende des Monats. Da an jedem Zechentor in kurzer Reichweite auch entweder ein Kiosk oder eine Kneipe oder beides lagen, waren diese Abschlagszahlungen und Restlöhne in bar natürlich so brandgefährlich wie gefährdet.

Gefährlich einmal für die, die dem Alkohol sowieso nicht abgeneigt waren und für die, die ihren staubigen Mund und die Kehle nach der Schicht unter Tage ausspülen wollten oder mussten. Und gefährdet, man kann es sich vorstellen, waren die Pinunsen für die Ehefrauen dieser Berufsgruppe, da sie Geld benötigten, um einkaufen zu können oder ihre Käufe „auf Pump“ vom letzten Monat noch abzubezahlen.

Es war nämlich nicht unüblich, dass Einkäufe oder Teileinkäufe über den Monat verteilt bei den Einzelhändlern wie Bäckern, Metzgern, Lebensmittelhändlern, aber auch bei Möbel- und Elektrohändlern, „angeschrieben“ wurden. Großprojekte wie Möbel oder Elektrogroßgeräte konnten gar in Raten abgestottert werden. Und wenn dann an Restlohn- oder Lohntagen nicht mindestens ein Teil der offenen Beträge ausgeglichen wurde, gab' s erst mal nichts mehr.

Und blieb mal eine Rate für die Wohnzimmereinrichtung zum Beispiel aus und wurde nicht gezahlt, konnte es durchaus passieren, dass Frau und Herr Müller unangenehmen Besuch vom Händler bekamen. Peinlich, das.

Mama und Papa kauften nichts „auf Pump“- (Pumpen - Leihen, Borgen und so weiter). „Was sollen denn die Nachbarn denken?“, war einer der Standardsprüche von Mama. Ersatzweise auch: „Was sollen denn die Leute denken!“

Mein Papa gehörte dankenswerterweise nicht zu der Personengruppe, die nach getaner Schicht erst einmal in die Kneipe gingen. Er konnte keinen Alkohol vertragen.

Wenn wir einmal irgendwo zum Geburtstag oder ähnlichem eingeladen waren, blieb sein Glas Pils oder Bier (letzteres war billiger), das man ihm eingeschenkt hatte, halb ausgetrunken stehen, bis der Rest schal war. Er kriegte von dem Zeugs immer sofort Kopfschmerzen. Egal, was es war und wie viel Prozent Alkohol es hatte.

Also gut. Zurück zu den Restlöhnen: Einige der Kumpelfrauen standen dann eben an den Zahltagen tatsächlich vor den Zechentoren, um ihre Männer, und vor allem aber das Geld, in Empfang zu nehmen. Bevor alles oder ein großer Teil weg, sprich: versoffen, war. Hierzu wäre zu erklären, dass die Männer, die außer nach dem Dienst auch sonst gern in die Kneipe gingen, teils „auf Deckel“ trinken konnten. Das nannte man „anschreiben lassen“ oder auch „auf langen Bleistift saufen“.

Dieses „auf Pump kaufen“ wäre in dieser heutigen Zeit in der beschriebenen Form nicht mehr möglich und eigentlich unvorstellbar. Funktioniert jedoch in anderer Form großartig: Kreditkarte und/oder Konto überziehen. Wenn man darf. Dann haben eben die Kreditkartengesellschaften und/oder die Banken das Nachsehen, aber in den wenigsten Fällen der oder die Händler.

Kontenpflicht für Arbeitnehmer, einschließlich der Bergleute, kam erst später.

Die Kiosk- und Wirtshausbesitzer haben sich damals, genau wie Bäcker und Metzger, Lebensmittelhändler, wirklich eine goldene Nase verdient. Viele bauten oder kauften Häuser. Denn eines gilt ja heute noch: Gegessen und getrunken wird immer.

Und bei den Möbelfritzen und Elektroläden war es genauso. Der Konsum wurde angeheizt durch das Wirtschaftswunder. Oder durch das, für das man die wirtschaftliche Entwicklung in diesen Jahren den Menschen damals verkaufte.

So wie die obengenannte Gruppe von Händlern lebten auch die Handwerker nicht schlecht. Der aus dem vorletzten Jahrhundert stammende Spruch „Handwerk hat goldenen Boden“ traf hier voll und ganz zu.

Ich will mal so sagen: Das war die Nachkriegszeit, in der alles ziemlich gut lief. Ich wurde also in die Zeit nach der sogenannten „schwarzen Zeit“ hineingeboren. Fast alle hatten reguläre Arbeit. Die, die keine Arbeit hatten, wurden leicht abgetan mit dem Spruch: „Der hat zwei linke Hände“. Soll also heißen: Der ist zu faul zum Arbeiten. Diese Personengruppe gab es natürlich. Der überwiegende Teil aber war fleißig und wie gesagt, fast alle hatten Arbeit und Einkommen. Nur: Damals wie heute konnte und kann nicht jeder mit Geld vernünftig umgehen und sich dasselbe eben entsprechend einteilen. Darin lag damals und liegt heute noch die Crux.

Und wenn ihr jetzt über den Begriff „schwarze Zeit“ gestolpert seid: Da könnte ich einen eigenen Roman drüber schreiben. Da fragt lieber mal eure Großeltern, was das war. Die können euch das eventuell noch in kurzen aber prägnanten Sätzen erklären.

  1. Alltag bei Oma und Opa

Die Frau, die ich als Oma kennenlernte war, wie schon gesagt, Opas zweite Frau. Mamas Liebling war die nicht unbedingt, aber man hatte sich arrangiert. Wegen Opa eben.

Unsere Mama war nicht begeistert davon, dass der Opa nochmal geheiratet hatte. Und so sah sie die Oma auch nicht als ihre sogenannte „zweite“ Mutter an. Ich glaube, dass sie die Oma am liebsten „gesiezt“ hätte.

Mamas geliebte richtige Mutter, die sie bis in den Tod gepflegt hatte, nicht mehr da - und Opa kurz darauf wieder verheiratet. Das ging eigentlich für Mama gar nicht. Gehört sich das? Da war die Oma Martha von ihr irgendwie zu einem Feindbild in - allerdings abgeschwächter Form - erkoren worden. Ließ Mama aber Gott sei Dank! nicht heraushängen. Sie hatte sich da im Griff.

Was die Oma Martha konnte, war Kochen. Die hat dir vielleicht freitags manchmal ein Fischfilet – natürlich frisch vom Wochenmarkt - mit einer selbstgemachten Senfsauce fabriziert… Da lecke ich mir heute noch alle zehn Finger nach.

Oma brauchte nicht viel von Opas Rente. Das Geld von Opa vorgegeben und eingeteilt. Oma bekam ein wenig Taschengeld und auch etwas, damit sie auf dem Wochenmarkt einkaufen konnte. Mehr brauchte sie nicht, meinte Opa.

Oma war etwas (sehr) korpulent und bewegte sich entsprechend vorsichtig in der kleinen Wohnküche, dem kleinen Wohnzimmer und dem vollgestellten Schlafzimmer. Weitere Zimmer, nämlich drei, gab es dann zwar noch im Haus.

Eines eine halbe Treppe höher, na ja, mehr ein Zimmerchen, und im ersten Stock zwei Zimmer. Die waren aber vermietet an ein älteres Ehepaar, den Kortmanns, das den ganzen Tag, abwechselnd oder gemeinsam, zu Straße hin „im Fenster lagen“. Alles wurde beobachtet und kommentiert oder diskutiert. Damit die Ellenbogen nicht wund wurden, nahm man als Unterlage ein Kopfkissen vom Sofa oder notfalls auch vom Bett. Konnte man ja waschen, wenn es dreckig wurde.

Wie gesagt: Oma war ein Kochwunder. Alle Zutaten gab es im Garten, aus den Einkochgläsern oder dem Rauchfang. Sollte es mal Hühnerfleisch geben, ging man eben in den Hühnerstall. Patsch! Quiek! hörte man dann. Anschließend rupfen und ausnehmen. Hört sich bestialisch an. War es aber zur dieser Zeit keinesfalls. Das gehörte zum Alltag. Nicht jeden Tag, aber doch häufig, betrachtet man es übers Jahr.

Oma war auch für Reinlichkeit. Da standen sich Mama und Oma in nichts nach. Vielleicht hat Mama sie deswegen auch mehr oder weniger respektiert und akzeptiert. Seelenverwandtschaft oder was auch immer.

Oma war gebürtig aus Belinghausen, der Kreisstadt also und war, als Opa sie kennenlernte, Hauswirtschafterin bei einer gut gestellten Familie. Oberklasse würde man heute sagen. Daher nahm ich an, dass sie dort auch Kochen, Putzen und Waschen musste. Sie konnte wirklich aus fast Nichts ein äußerst schmackhaftes Gericht bereiten. Drei Gänge: Gulaschsuppe, Rippchen mit Sauerkraut und Stampfkartoffeln, gemischter Obstteller. Oder: Hühnerbrühe, Dorsch- oder auch mal Kabeljaufilet in Senfsauce mit Salzkartoffeln und Blattsalat, Milchreis mit Obst.

Selbst aus Graupen, einem der preiswertesten Lebensmittel, konnte sie ein ganzes Mahl zaubern. Ihre Ideen und Verarbeitungsmöglichkeiten schienen mir unerschöpflich.

Samstags durfte es gern mal ein Eintopf sein, den man montags noch essen konnte; und da er dann, wenn er etwas gestanden hatte (ziehen lassen nannte man das, glaube ich), noch besser schmeckte: Eine sämige Erbsen- oder Linsensuppe. Oder Bohneneintopf, wahlweise grüne oder gelbe Bohnen oder beides zusammen. Klassisch und lecker war auch ihr Gemüseeintopf. So eine Art Durcheinander, im Osten besser bekannt als „Leipziger Allerlei“. Rindfleisch reingeschnibbelt. Fertig.

„Hinrich“, höre ich sie heute noch rufen. „Hol ma' Petersilie aus ‘m Garten und Porree.“

„Wat wisn met Petersilie?“, fragte Opa. „Na, zum Kochen wohl“, antwortete Oma. „Die Petersilie tut doch verkochen“, entgegnete Opa. „Jau, wenn du dat tu's, dann wohl“, antwortete Oma und lachte sich ins Fäustchen, drehte sich zu mir um und klopfte sich mit dem Zeigefinger an ihre Stirn. Ich grinste dann zurück. Ich wusste, was sie meinte.

Opa vergaß manchmal, seine Zahnprothesen herauszunehmen, wie sich das so für ältere Leute vor dem Zubettgehen gehört. „Hinrich, bisse verrückt? Willse heute Nacht an deine Prothese ersticken?“, rief Oma dann laut durch das Haus. „Ich will nich', dat dich die Leute morgen im Sack hier 'raustragen müssen!“

„Och, holle Mul. Bin doch noch nich' verkalkt wie du“, antwortete er ein wenig aufgebracht, ja, fast beleidigt.

Oma hat ansonsten nicht viel geredet. Ich habe sie sich hauptsächlich auf ihre Haus- und Gartenarbeit konzentrieren sehen. Ein sehr, sehr „fleißiges Lieschen“ würde man sagen. So bezogen auf die gleichnamigen Blümchen.

Der Tagesablauf bei Opa und Oma war so gut wie immer gleich: Opa ging morgens nach dem Rasieren zum Frühschoppen zu Olga. Nicht jeden Tag, aber fast. Gegen zwölf Uhr kam er nach Hause, nahm seine Schiebermütze ab - dann sah man seine Glatze glänzen wie einen Babypopo - und aß zu Mittag. Dann wurde noch ein Zigarrenstummel angezündet zur Verdauung, das Radio angeschaltet (Fernseher gab es bei uns noch nicht) und anschließend ein Nickerchen auf dem kurzen Sofa in der Küche gemacht.

Das Sofa war eigentlich eine Chaiselongue. So ein Zweisitzer eben. Mehr passte da nicht an die Wand. Aber Opa passte dahin. Er war nämlich nicht der Größte. Von der Statur her, meine ich natürlich. Vom Intellekt? Da kann man drüber streiten. Habe ich mir aber damals überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. Nur später. Aber nur einmal.

Nach diesem Schläfchen stand er auf, setzte sich seine Schiebermütze wieder auf und schaute nach den Tieren. Gegen siebzehn Uhr wurden dann die Hühner gefüttert und, wenn er zeitweise Kaninchen hatte, auch diese. Falls es etwas im Garten zu tun gab, wie zum Beispiel Möhren ziehen oder Kräuter pflücken, Beete harken oder so etwas - dafür war ja Oma zuständig. Hatte er selbst „nix mit su daun“, wie er sich auszudrücken pflegte.

Katze Erna und Hund Bobby fielen ebenso in den Versorgungsbereich von Oma.

Nur Stall ausmisten - das machte er; wenn auch widerwillig.

Ansonsten hatte Opa nicht viel Lust, etwas zu tun. Handwerklich war er zwar begabt. Die Rente war jedoch klein und auch wenn das Haus bereits abbezahlt war, wurden Reparaturen im oder am Haus generell nur notdürftig durchgeführt. Daher gab es beispielsweise noch elektrische Leitungen, die auf dem Putz lagen. Tapete drüber, fertig.

Eine Fliegerbombe war während des Zweiten Weltkrieges durch den Schornstein der Küche bis in den Keller gegangen, zündete jedoch zum Glück nicht. Die dabei zerstörte Trennwand zwischen Küche und Treppenhaus zum Keller wurde nur notdürftig aufgebaut und mit viel Lehm verputzt. Da man nicht viel hatte, auch keine Baustoffe wie heute üblich, wurde eben mit Wasser und Sand gemauert. Wenn an diese Wand jemand drückte, sich abstützte oder anlehnte, bestand die Gefahr

dass a) der Putz abbröckelte

oder

dass b) die Wand umfiel.

„Verdorrichnomal“, schimpfte Opa dann. „Pass op, o wes ondingt potmaken?“ Opa war im Münsterland geboren und das war – phonetisch – irgendwie „münsterländisch Platt“ und sollte wohl heißen: „Pass doch auf, oder willst du das unbedingt kaputt machen!“. „Verdorrichnomal“ sollte „Verdammt noch einmal“ heißen. Neben „Chottsverdorrich“ und „Prumbüttel“, also Pflaumenbeutel, waren das die Lieblingsworte von Opa. Prumbüttel, damit meinte er - und nur er - Damenunterhosen. 

Das Loch, das im Keller durch diesen Blindgänger entstand, wurde einfach zugeschüttet. Daher war das Haus nur noch „teilunterkellert“. Unter der Küche gab es also nichts, bis auf Steine mit Putz obendrauf, einigermaßen begradigt und von einer Auslegeware, Balatum genannt, und einem Teppich bedeckt. Nicht ideal für eine Küche oder Wohnküche, denn man bekam leicht kalte Füße.

War aber für Oma und Opa ausreichend gemütlich. Und es roch immer nach Zigarrenqualm. Hinrich priemte auch schon mal. Mit Kautabak. Aber nicht oft. Lieber rauchte er Zigarrenstumpen. Trotz der vier (4!) Türen, die von der kleinen Küche abgingen: Eine Tür zum Hof, eine Tür zur Seite, eine Tür in den Keller, ein kleiner Aufgang, zwei Treppenstufen, zum Wohnzimmer, blieb der kalte Tabaksqualm immer allgegenwärtig und zog bei Nichtbelüftung auch gern durchs ganze Haus.

Da der Untermieter von oben aber auch rauchte wie ein Schornstein, fiel das gar nicht weiter auf. War eben so und fertig.

Manchmal ging Opa auch spät nachmittags oder früh abends noch in die Kneipe. Das war immer lustig, wenn er zurückkam: Von weitem sah man in der Dämmerung dann schon eine Figur auf sich zukommen, etwas krummbeinig und ein wenig unsicher gehend, mit rotem Kopf. Ich sagte dann später zu meinen Spielkumpels: „Guck mal, da glüht wieder die Birne“ oder „Glühbirne kommt. Da brauchst du keine Straßenlaterne.“

Da Opa ja keine große Lust hatte, am Haus etwas vernünftig instand zu setzen, wurde eben überall, wo etwas nicht in Ordnung war, „repariert“.

Heute würde man sagen, es wurde gepfuscht. Damals nannte man das in der Schustersprache „flicken“. Es wurde also überall immer irgendetwas „geflickt“. So provisorisch, wisst ihr? Selbst tröpfelnde Wasserleitungen im Keller oder Garten wurden mit einer dicken Gummimanschette und Schraubbügel drum herum „instandgesetzt“, wie Opa das nannte. „Hält ers' ma'“, sagte er, wenn man ihn darauf ansprach. War kein Schustergummi vorhanden, musste schon einmal ein Fahrradschlauch - gedoppelt - herhalten.

Ja, der Opa war für Oma keine große Hilfe, aber in dem festen Glauben, sich seine Rente redlich verdient zu haben. Jetzt wollte er eben nur noch „leben“, wie er es einmal nannte.

Tja, so war der Tagesablauf bei Oma und Opa: Schlafen, Morgentoilette, Essen kochen, herumdösen, Gartenarbeit, Tiere versorgen, Abendessen, Radio hören, Schlafen gehen. Vielleicht noch ab und an mal die BILD-Zeitung lesen. Kostete damals zehn Pfennig und konnte man direkt an der Ecke bei Tante Millie am Kiosk kaufen.

Von den Kleinigkeiten wie Holz für den Ofen hacken und den einzigen Ofen im Hause, auf dem auch gekocht wurde, also den Herd, zu befüllen, einmal abgesehen. Dieser Kohleherd in der Küche war der Mittelpunkt der gesamten Wohnung, wie bei uns zu Hause auch. Man benutzte ihn zum Kochen und mit ihm wurde das gesamte Erdgeschoss beheizt.

Zur Not gab es im Wohnzimmer, von der Küche nur durch den kleinen Aufgang getrennt, noch einen Kohleofen. Aus Bequemlichkeitsgründen stand der aber meist nur zur Zierde da. „Wenn dich kalt is', hol‘ dich 'ne Decke“, sagte Opa immer, wenn es Oma im Winter zu kalt wurde. „Oder geh' doch einfach schomma pofen (schlafen)“.

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